Kein Mitleid mit Einzelhandel der Digitalisierung verschlafen hat

Insolvenz im Einzelhandel

Derzeit befinden wir uns zweifelsohne durch die Corona-Maßnahmen in einer absoluten Ausnahmesituation, wie sie sich vor einem Jahr noch kein Mensch vorstellen konnte. Das tut mir unheimlich leid, für alle Betroffenen Selbstständigen, Unternehmen und deren Mitarbeiter, sowie den vielen Familien, die darunter leiden. Insbesondere für jene, die selbst keinerlei Mitschuld an den geschäftlichen Einbußen tragen. Es steht außer Frage, dass ich mich schnellstmöglich eine Rückkehr zum normalen Alltag wünsche, wie nahezu jeder andere Mensch auch.

Digitalisierung im Einzelhandel verschlafen? – Kein Mitleid von mir

Zunehmend bekomme ich von unterschiedlichsten Aktionen diverser Einzelhändler mit, die in der Vergangenheit die Digitalisierung selbst verschlafen haben und heute mit dem Finger auf die Bundesregierung, oder auf Menschen zeigen, die ihre Waren online einkaufen.

Würden diese Geschäfte ihren Kunden die Möglichkeit bieten, online einzukaufen, könnten sie auch in der jetzigen Zeit ihre Produkte an den Mann oder die Frau bringen und Einnahmen erzielen.

Explizit ausgenommen sind hier natürlich sämtliche Bereiche, die nicht digitalisiert werden können.

„Du entscheidest WO du kaufst“ – Ja, das tue ich.

Gerne unterstütze ich persönlich Firmen in der Region, sofern es sich anbietet, das für mich praktikabel ist, oder mir einen anderen Vorteil bietet. Es kann auch passieren, dass ich etwas bei einer Firma bestelle, die nur 10 km von mir entfernt ist und es mir per Post schicken lasse, wenn es für mich der bessere Weg ist. Gerade als Unternehmer ist meine Zeit direkt nach meiner Gesundheit mein wertvollstes Gut und wäre es für mich wirtschaftlicher, dann würde ich sogar bei einer Firma, die nur 10 km entfernt ist, eher online bestellen, als die Wegzeit in Kauf zu nehmen. Essen lassen wir uns schließlich auch oft liefern, statt es selbst abzuholen und das meist nur aus reiner Bequemlichkeit.

In den letzten Jahren habe ich sehr oft bei regionalen Firmen den Spruch: „Du entscheidest WO du kaufst“, gelesen. Zumindest so oder in ähnlicher Form. Leider ging das oftmals auch mit einem Bashing der großen Konzerne einher.

Tatsächlich entscheide ich selbst, wo ich kaufe und wen ich unterstütze. – Lese ich allerdings einen Spruch, wie oben genannt, oder in ähnlicher Form UND dies auch noch in Kombination mit einem direkten oder indirekten Bashing von Online Shops oder Konzernen, dann kaufe ich überall, jedoch garantiert nicht bei demjenigen, der den digitalen Verkauf selbst verschlafen hat.

Der Kunde trägt keine Schuld daran, wenn der Unternehmer seine Hausaufgaben nicht macht.

Die Chancen sind auch heute noch gigantisch

Obwohl viele Firmen bereits erfolgreich online verkaufen, ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Es gibt auch in der heutigen Zeit noch hervorragende Chancen, um die eigenen Produkte online zu vertreiben.

Vielleicht wissen es auch viele Einzelhändler bisher noch nicht, doch nahezu jeder Einzelhändler kann selbst seine eigenen Produkte auf Plattformen, wie zum Beispiel Amazon vertreiben. Und dieses Beispiel wähle ich ganz bewusst, weil von Einzelhändlern gerne auf Amazon geschimpft wird.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, doch das ist eben keine Aufgabe, die „der Sohn, der Nachbarin, der irgendwas mit Computern macht“ übernehmen kann. Hier braucht es ein Konzept, eine klare Strategie und Profis, die wissen, was sie tun, da es ihr Tagesgeschäft ist.

Grobe Fehleinschätzung oder unternehmerisches Versagen?

Ist es unternehmerisches Versagen, wenn ein Einzelhandelsgeschäft heute noch keinen Online Shop hat? – Über diesen Punkt habe ich mir viele Gedanken gemacht und bin tief in mich gegangen. Hätte man mich in einem persönlichen Interview gefragt, ob ich es für unternehmerisches Versagen halte, wenn heute ein Einzelhändler noch keinen Online Shop hat, dann hätte ich diese Frage spontan vermutlich mit einem klaren „JA“ beantwortet.

Nach reiflicher Überlegung bin ich jedoch zu einem anderen Entschluss gekommen, der mir deutlich besser gefällt. Meine Definition sieht in diesem Zusammenhang wie folgt aus:

Grobe Fehleinschätzung:

Eine grobe Fehleinschätzung der Bedeutung des Onlinehandels liegt in meiner Definition dann vor, wenn ein Unternehmen zwar bis heute keine Möglichkeit zum Onlineshopping geboten hat, weil es in der Vergangenheit versäumt wurde, man dies allerdings erkannt hat und spätestens JETZT damit beginnt, alle notwendigen Schritte in die Wege zu leiten, um in Kürze einen Online Shop stehen zu haben.

Unternehmerisches Versagen:

Unternehmerisches Versagen liegt dann vor, wenn man in der Vergangenheit als Einzelhändler noch keine Möglichkeit zum Onlineshopping angeboten hat und derzeit nicht alle möglichen Maßnahmen ergreift, um in Kürze den Kunden die Möglichkeit zu bieten, die eigenen Produkte auch online einzukaufen.

Einzelhändlern, denen ich nach meiner Definition in Bezug auf die Digitalisierung unternehmerisches Versagen vorwerfen muss, haben für mich gleichzeitig auch keine weitere Daseinsberechtigung am Markt. Bei 98 % der Firmen wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie vom Markt verschwinden.

Merke: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Es ist nur eine Frage der Zeit.

So würde ich als Mitarbeiter reagieren

Ich habe mir auch die Frage gestellt, wie ich als Mitarbeiter reagieren würde, wenn ich im Einzelhandel angestellt wäre und die Firma bis heute noch keinen Online Shop, oder eine vergleichbare Form zum digitalen Absatz von physischen Produkten hätte.

1. Gespräch mit der Geschäftsführung suchen
2. Aus dem Gespräch mitnehmen, ob nach o.g. Definition eine grobe Fehleinschätzung oder unternehmerisches Versagen von der Geschäftsführung vorliegt.
3. Bei grober Fehleinschätzung schauen, ob sich die Geschäftsführung professionelle Hilfe zur Umsetzung mit an Board holt. Wenn ja, wäre für mich alles in Ordnung. Sollte die Geschäftsführung sich keine professionelle Hilfe zur Umsetzung nehmen, ging es für mich mit Punkt 5 weiter.
4. Bei unternehmerischem Versagen nach o.g. Definition ging es für mich als Mitarbeiter mit Punkt 5 weiter.
5. Ich würde letztmals das Gespräch mit der Geschäftsführung suchen und mit guten Argumenten die Bedeutung der Digitalisierung untermauern und nochmals deutlich machen, dass dies nur mit professioneller Hilfe gemeistert werden kann. Sollte die Geschäftsführung dies anders einschätzen, würde ich zu Punkt 6 übergehen.
6. Ich würde meine Arbeitskollegen darüber in Kenntnis setzen und sie bitten, nochmal mit der Geschäftsführung zu sprechen.
7. Es ist Zeit für Veränderungen. – Die Zukunft des Geschäftsbetriebs ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin nur noch eine Frage der Zeit.
8. Zumindest würde ich mir ein 2. Standbein aufbauen. Denn auf 2 Füßen steht es sich immer besser, als nur auf einem.
9. Würde ich Stellenanzeigen, sowie Stellenausschreibungen „studieren“ und mich darüber hinaus gezielt auf die Suche nach anderen Firmen machen, die fortschrittlicher agieren. Dort würde ich mich zumindest initiativ bewerben.
10. Ich würde das sinkende Schiff verlassen und den Absprung schaffen, bevor es untergeht.
11. Nachdem das sinkende Schiff untergegangen ist, würde ich meinem ehemaligen Chef einen Brief schicken, indem ich ihm zum unternehmerischen Versagen gratuliere und ihm alles Gute für seine weitere Zukunft wünschen.